PIERRA MENTA 2005



Hausi und Tod

Die Beine sind schwer, unsere Herzen rasen und noch ist das Ende der Tagesetappe nicht in Sicht. Unter unseren Helmen rinnt der Schweiß in unsere Augen und alles was man sieht ist die Spur, die mit unzähligen Spitzkehren gnadenlos senkrecht nach oben führt. Wir schnallen nun unsere Ski ab, verstauen sie mit kurzen flinken Griffen auf unseren Rucksäcken und steigen nun so schnell wir können durch eines der vielen steilen Couloirs. Danach geht es weiter über einen ausgesetzten Felsgrat hinauf zum Dach der Pierra Menta – dem Grand Mont. Schritt für Schritt, Meter für Meter nähern wir uns dem Gipfel. Es ist erst kurz nach neun Uhr knapp 2000 Höhenmeter liegen bereits hinter uns als wir unsere Felle abziehen und in ein völlig vereistes ca. 45° steiles Couloir einfahren. Ich verschwende für einen kurzen Moment einen Gedanken  daran, welch fatale Folgen ein Sturz hier haben könnte ?!

Doch  nach dem ersten Schwung bin ich wieder völlig konzentriert und suche mir die ideale Linie durch das Couloir. Mit einem lauten Aufschrei rutscht ein Italiener mit Höllentempo an mir vorbei, ohne auch nur den Funken einer Chance irgendwo Halt zu finden.

Zu Recht besteht die PIERRA MENTA bei der man an vier Tagen knapp 10000 Höhenmeter im Aufstieg bzw. Abfahrt bewältigt, gemeinsam mit der TROFEO MEZZALAMA und der PATROUILLE DES GLACIERS zu den härtesten Skitourenrennen der Welt. An allen drei war ich mit meinen Partner Hausi ( Hausmann Franz ) schon am Start.

Steile Passagen bergauf, längere Abschnitte zu Fuß mit den Skiern auf dem Rucksack und ein wahnsinniges Tempo machen sogar den Profis im Feld arg zu schaffen.

Heuer findet die Pierra Menta zum 20. Mal statt. Ein Budget von 150000 € steht den Veranstaltern zur Verfügung. 300 Helfer stehen eine Woche lang parat, besondere Hochachtung gilt den Streckenplanern die mit viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt die Route planen und nach Beurteilung der Lawinensituation die Spuren in das Gelände setzen.

Zuerst sieht es ja so aus als würde die Pierra Menta auch heuer wieder ohne uns stattfinden da Hausi nach der Sella Ronda eine arge Grippe aufgerissen hatte. Doch weil auch schon in den beiden vorangegangenen Jahren immer wieder etwas dazwischen gekommen ist, gibt er am Montag per Telefon Bescheid, Mandi-packe dich zusammen wir fahren.

So nehmen wir uns nun Urlaub und entfliehen dem Wetterchaos in Österreich und fahren nach Areches in Frankreich wo bereits zum 20. Male die berühmte Pierra Menta bei traumhaften Wetter ausgetragen wird. Mehr als 100000 Höhenmeter haben wir bereits in den Beinen, bis auf Hausi`s Grippe verlief die Vorbereitung super. Schade nur um die gute Form.

Also beschließen wir bei der Anreise das Rennen etwas vorsichtiger anzugehen um nicht Gefahr zu laufen das Ziel nicht zu sehen.

In Areches steht alles im Zeichen der Pierra Menta, überall Fahnen, Transparente und natürlich wimmelt es schon überall von den Athleten die mit ihrer Ausrüstung bereits zur Materialkontrolle unterwegs sind.

Heute Mittwoch steht die erste Etappe, der Prolog auf dem Programm. Nur zum aufwärmen, sind doch nur 500Höhenmeter zu bewältigen.

Die folgende Nacht vor dem eigentlichen Start ist unruhig. Die Spannung steigt und so richtig gut schläft wohl keiner. Um 5:30 Uhr klingeln die Wecker in allen drei Hotels wo die Sportler untergebracht sind. Los geht es mit Frühstücken, Rennanzug anziehen und aufwärmen.
Pünktlich um sieben Uhr fällt der Startschuss. Das Tempo ähnelt dem eines 100-Meter Sprints um sich einen der begehrten vorderen Plätze zu sichern um nicht bei diversen Engstellen aufgehalten zu werden.
Langsam fädelt sich das Feld auf. 2400 Höhenmeter liegen heute vor uns die es aber in sich haben. Vier Anstiege, eine Querung über einen Kamm der Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Nach gut eineinhalb Stunden erreichen wir ein Plateau wo wir auch Zeit haben kurz das herrliche Panorama zu genießen. Ein kurzer Blick noch hinüber zum  Mont Blanc der majestätisch vor uns aufragt und dann steigen wir ein Colouir  hoch  das wieder unsere volle Aufmerksamkeit erfordert.
Die Abfahrten sind heute die Hölle ,.... fast zur Gänze im Bruchharsch!!! – Die Oberschenkel melden sich zum ersten Mal. Die letzte Abfahrt vor dem Ziel führt uns durch einen Hohlweg der es uns kaum erlaubt Bogen zu fahren weil er so eng ist. Gut das nun die Erste Etappe zu Ende ist.
Der zweite Tag beginnt mit aufgeschnallten Skiern, laufend aus Areches hinaus. Nach knapp 15 Minuten als wir unsere Ski an den Beinen haben beruhigt sich das nervöse Feld  mit dem Wissen das heute die Königsetappe mit sechs Anstiegen und 3000 Höhenmeter auf dem Programm stehen. Heute führt uns der zweite Anstieg hinauf  zum Namensgeber dieser Veranstaltung der Pierra Menta, ein markanter Felsklotz der diesen fantastischen Gebirgszug überragt. Auch das Skifahren ist heute wesentlich einfacher als gestern, sind doch die Abfahrten nach Norden ausgelegt wo wir schönen Pulverschnee vorfinden. Trotzdem sind wir froh nach fünfeinhalb Stunden über die Ziellinie zu fahren.
Beim gemeinsamen Abendessen kann man die Anstrengungen des Rennens regelrecht von den Gesichtern der Teilnehmer ablesen. Zwei Schweizer trudeln im Hotel ein und suchen arg humpelnd sofort den Masseur auf. Die Ringe unter den Augen werden immer größer, auch ein Zeichen dafür das der Energiebedarf während der langen Etappen kaum mehr ausgeglichen werden kann.



Der  Letzte Tag  führt uns zum Dach der Tour auf den 2600 Meter hohen Grand Mont. Unsere Vermieterin,  die auch dem Organisationskomitee angehört, erzählt, das uns heute eine Stimmung wie bei der Tour de France erwarten wird. Die Lifte nehmen schon um 5:00 Uhr den Betrieb auf, um sagenhafte 3500 Zuseher die mit ausreichend Verpflegung und natürlich französischen Rotwein ausgerüstet aus dem nahen Skigebiet in die Nähe des Berges gebracht werden. Und wirklich, als wir zum ersten Mal den Gipfel erreichen laufen wir durch einen ca. zwei Meter breiten und mindestens zwei Kilometer langen Menschenkorridor.Es ist wirklich berührend wenn man diese Stimmung erleben darf, besonders wenn dich die Zuseher anhand der Startliste auch namentlich anfeuern. Nach diesen Eindrücken kann man sich ungefähr vorstellen was sich bei der Tour auf den Bergen abspielt. Schön sagt Hausi zu mir das wir da heute noch einmal herkommen, müssen wir den Berg doch auch noch von der anderen Seite besteigen. Dieser spektakuläre und felsige Kamm, der zum Gipfel führt, ist die letzte harte Prüfung. Rechts und links geht es fast senkrecht nach unten. Die Kontrollposten helfen an den schwierigen Stellen den unsicheren und schon müden Teams. Wir finden traumhafte Lichtverhältnisse vor und können dabei einen kurzen Blick auf die ganze Nordseite des Mont Blanc die zum Greifen nahe scheint genießen. Vorbei geht es mit schon kurzen Atem wieder an den Zusehern, noch eine kurze Abfahrt und dann kleben wir zum letzten Mal unsere Felle auf,..nur noch 400 Höhenmeter dann haben wir es fast geschafft, ist doch die abschließende Abfahrt schon mit der Vorfreude auf das Ziel nur mehr halb so schwer.

Nun ist es aber wirklich soweit. Wir sehen schon den blauen Zielbogen, wir geben uns die Hand und fahren gemeinsam über die Ziellinie die jeder von uns schon öfter herbeigesehnt hat. Jetzt sind sie vorbei die Strapazen der vergangenen Tage. Platz 109 von 160 gestarteten Teams haben wir am Ende erreicht. Aber bei diesem Rennen zählt sowieso jeder der das Ziel erreicht hat zu den  Siegern, muss doch schon bei der Anmeldung eine Art alpinistischer Lebenslauf  hinterlegt werden und nur 160 Teams ( heuer wollten 400 ) bekommen den begehrten Startplatz.